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Susanne Schütz – Das ist Milch

Das ist Milch

von Susanne Schütz

 

Milch ist das ausschließlich durch ein- oder mehrmaliges Melken gewonnene Erzeugnis der normalen Eutersekretion ohne jeglichen Zusatz oder Entzug.

(EU-Bezeichnungsschutzverordnung für Milch und Milcherzeugnisse des Europäischen Parlaments und des Rates 1308/2013, Anhang VII)

 

Milch ist Liebe

(David Foster Wallace)

In den meisten deutschen Ställen steht die Holstein Friesian. Diese Rasse wird auf immer höhere Milchleistung hin „optimiert“.

Kühe, die ausschließlich das fressen, was Wiederkäuer seit Jahrtausenden fressen, also Gras und Heu, können beim heutigen Stand der Züchtung ungefähr 35 Liter Milch pro Tag geben. Um Kühe zu Milcherträgen von 50 bis 100 Liter pro Tag zu bringen, werden sie mit einem hohen Anteil an Kraftfutter gefüttert. Sie bekommen Getreide und andere konzentrierte Kohlenhydrate und sogenannte „geschützte Fette“. Bei „geschützten Fetten“ handelte es sich bis zur BSE-Krise im Jahr 2000 um Abfallfette aus Schlachthöfen. Heutzutage werden Kokosnuss- und Palmfette mit hohen ökologischen und wirtschaftlichen Risiken aus globalen Monokulturplantagen verfüttert. Nur: Eine solche Ernährung von Wiederkäuern ist nicht artgerecht und schädigt das Verdauungssystem und den Stoffwechsel von Kühen nachhaltig.

Eine weit verbreitete Krankheit bei Milchkühen ist die Mastitis, eine schmerzhafte Euterentzündung. Diese wird durch Bakterien ausgelöst. Tierärzte und Landwirte helfen sich dabei mit Antibiotika, welche direkt durch die Zitzenkanäle in die Euter eingebracht werden. Die Kuh scheidet in den ersten Tagen der Behandlung einen großen Teil der Antibiotika über die Milch wieder aus. Sie wird zum Teil Kälbern gefüttert oder gelangt über die Jauche in den Boden. Das ist fast überall so, wo Kühe leben. Die Milch darf 5 Tage nach der letzten Behandlung wieder verwendet werden.

Da einige Krankheiten bei Kühen im Anfangsstadium ohne Symptome verlaufen und nicht sofort erkannt werden können, wird die Milchqualität in den Molkereien anhand der somatischen Zellzahl (Somatic Cell Count, SCC) auf Infektionen überprüft. Die SCC von gesunden Kühen liegt bei unter 100.000 Zellen/ml Milch. Da in Milchbetrieben die Milch von allen Kühen einer Herde vermischt werden darf, wird der Wert des gesamtem Milchtanks gemessen (BTSCC). Dieser darf in Deutschland bis zu 400.000 Zellen/ml betragen und wird bedenkenlos verkauft. Bei solch hohen erlaubten Werten kann man davon ausgehen, dass einige der Tiere in der Herde kranke Euter haben. Bauern und Milchproduzenten haben kein Interesse daran, diese Entwicklung bekannt zu machen. Es geht schließlich um den guten Ruf der Milch. Weil man über die unangenehme Tatsache der antibiotischen Behandlung von Kuheutern nicht sprechen will, hört man so gut wie nichts davon.

Das Bundesamt für Risikobewertung vertritt am 21.1.2016 zum Thema Auswirkungen des Antibiotika-Einsatzes in der Nutztierhaltung den Standpunkt, „dass der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung die Resistenzentwicklung und Ausbreitung von Bakterien mit Resistenzen begünstigt, dass es sich aber bisher nicht abschätzen lässt, in welchem Umfang dieser Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung zur Resistenzproblematik in der Humanmedizin beiträgt.“ Im Klartext: Niemand kann derzeit genau sagen, inwieweit resistente Keime aus der Tierproduktion sich auf die Antibiotikaresistenz beim Menschen auswirken. Weiter wird eingeräumt, dass im Rahmen der Lebensmittelgewinnung resistente Keime aus der Nutztierhaltung auf Lebensmittel wie Fleisch oder Milch übertragen werden können. Um eine weitere Zunahme der Resistenzen zu verhindern, solle der Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung auf das unbedingt therapeutisch notwendige Maß begrenzt werden.

Landwirtschaftspolitik ist eben nicht nur eine Politik, die das Einkommen der Bauern sichern soll. Sie ist zugleich die Frage: Wie gehen wir als Gesellschaft mit Kühen um? Und: Wie gehen wir über unsere Kühe mit der Welt insgesamt um?

Dabei steht Milch symbolisch für Lebenskraft und mütterliche Fürsorge. Sanft und friedfertig soll sie machen. „Milch ist Liebe“, schreibt gar der amerikanische Autor David Foster Wallace. In der Tat: Mit ihrem bedingungslosen Reflex, alles zu tun, um 20 bis 40 potenziell saugende Kälber zu ernähren und die Melksysteme bis zum letzten Tropfen zu bedienen, steht die Kuh heute wie kein anderes Lebewesen für gebrochene Mütterlichkeit.

Fortsetzung folgt.

Hoppenrade, 13. März 2016

Literatur

http://www.bfr.bund.de/de/fragen_und_antworten_zu_den_auswirkungen_des_antibiotika_einsatzes_in_der_nutztierhaltung-128153.html

Martin Ott: Kühe verstehen. Faro Verlag CH-Lenzburg , 2011, S.51, S. 136-137, S. 140, S. 154

Qualitätsmanagement Milch. Bundeseinheitlicher Standard zur Milcherzeugung. Version 1.0, QM Milch e.V., Berlin 2012, S. 7,S. 9, S. 14

Florian Werner: Die Kuh. Leben, Werk und Wirkung. Goldmann (2011), S. 84 ff

http://www.portalrind.de/index.php?name=News&file=article&sid=62&theme=Printer

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